Strukturen (Teil 1)

Die Bibel ist unter anderem deswegen nicht nur ein wichtiges, sondern auch ein schönes Buch, weil die Autoren ihre Texte sehr bewusst geschrieben haben. Jedes Wort steht genau an der richtigen Stelle im Text. Das gilt ganz besonders für Leitwörter und –phrasen. Wie bereits deutlich wurde, werden diese Wörter und Phrasen nicht einfach willkürlich wiederholt, sondern nach einem bestimmten Muster.

Die Struktur des Schöpfungsberichts

Außer den Leitwörtern, die wir uns bereits angeschaut haben, gibt es zwei wichtige Formulierungen im Schöpfungsbericht, die ganz bewusst wiederholt werden: (1) „Und Gott sprach“ und (2) „Und es wurde Abend und es wurde Morgen“. Diese beiden Formulierungen gliedern den Bericht in Tage, wobei die erste Formulierung den Anfang und die zweite das Ende eines Tages anzeigt. Dieses Muster ist an den ersten sechs Tagen immer gleich, wird jedoch am siebten Tag durchbrochen, was diesen Tag von den anderen absetzt.

Auch die Formulierung „und Gott nannte“ wird mehrmals wiederholt. Interessanterweise kommt diese Formulierung jedoch nur an den ersten drei Tagen vor, was diese Tage von den folgenden vier Tagen absetzt. Gemeinsam ergeben diese beiden Muster also ein Gesamtmuster von 3 + 3 + 1. Anscheinend möchte der Autor, dass wir den Schöpfungsbericht nicht nur als eine Abfolge von sieben Tagen oder als eine Abfolge von sechs Tagen plus einem Tag betrachten, sondern auch als zwei Abfolgen von je drei Tagen plus einem Tag.

Das Ganze wird noch interessanter wenn man sich die Verteilung der Leitwörter in diesen beiden Abfolgen von je drei Tagen anschaut. Der erste Schöpfungstag, d.h. der erste Tag der ersten Abfolge von drei Tagen, wird folgendermaßen beschrieben:

Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es wurde Licht. Und Gott sah das Licht, dass es gut war; und Gott schied das Licht von der Finsternis. Und Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte er Nacht. Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein Tag.

Die Leitwörter in diesen Versen sind: Gott, Licht, Finsternis, Tag und Nacht. Interessanterweise kommen genau diese Begriffe in den Versen über den vierten Tag, d.h. den ersten Tag der zweiten Abfolge von drei Tagen, erneut vor:

Und Gott sprach: Es sollen Lichter an der Wölbung des Himmels werden, um zu scheiden zwischen Tag und Nacht, und sie sollen dienen als Zeichen und zur Bestimmung von Zeiten und Tagen und Jahren; und sie sollen als Lichter an der Wölbung des Himmels dienen, um auf die Erde zu leuchten! Und es geschah so. Und Gott machte die beiden großen Lichter: das größere Licht zur Beherrschung des Tages und das kleinere Licht zur Beherrschung der Nacht und die Sterne. Und Gott setzte sie an die Wölbung des Himmels, über die Erde zu leuchten und zu herrschen über den Tag und über die Nacht und zwischen dem Licht und der Finsternis zu scheiden. Und Gott sah, dass es gut war.

Die beiden Abfolgen von drei Tagen beginnen also auf ganz ähnliche Weise. Wenn es nun Parallelen zwischen dem ersten und dem vierten Tag gibt, könnten wir etwas Ähnliches für die Tage 2 und 5 sowie die Tage 3 und 6 erwarten. Das ist auch in der Tat der Fall. Am zweiten Schöpfungstag geht es um die Wasser (5 Mal) und um die Wölbung (5 Mal), die Gott Himmel nennt. Beide Begriffe kommen erneut am fünften Tag vor, an dem Gott lebende Wesen erschafft, um die Wasser zu füllen und Vögel, die unter der Wölbung fliegen sollen. Am dritten Tag geht es um die Erde (4 Mal) und alles, was darauf wächst, nämlich Gras (2 Mal), Kraut, das Samen hervorbringt (2 Mal) und Bäume, die Früchte tragen (2 Mal). Außer dem Wort „Gras“ werden alle diese Begriffe auch am sechsten Tag erwähnt, an dem Gott Tiere und Menschen erschafft, um auf der Erde zu leben und den Menschen Kraut, das Samen hervorbringt und Bäume, die Früchte tragen, zur Speise gibt.

Grafisch dargestellt, sieht das Ganze so aus:

             A   1. Tag: Licht – Finsternis, Tag – Nacht

B   2. Tag: Wasser – Wölbung (Himmel)

C   3. Tag: Erde, Pflanzen, Bäume, Same, nach seiner/ihrer Art

              A‘   4. Tag: Licht(er) – Finsternis, Tag – Nacht

B‘   5. Tag: lebende Wesen im Wasser – Vögel unter der Wölbung (Himmel)

                                        C‘   6. Tag: Menschen und Tiere auf der Erde, Pflanzen, Bäume,  Same,
nach  seiner/ihrer Art

Diese Anordnung ist eine sogenannte Parallelstruktur bei der eine bestimmte Abfolge von Elementen (in diesem Fall A – B – C) in der gleichen Reihenfolge wiederholt wird (A‘ – B‘ – C‘). In den meisten Fällen wird die Abfolge nicht einfach wortwörtlich wiederholt, sondern, wie im Schöpfungsbericht, leicht modifiziert bzw. erweitert. Dadurch wird der Leser eingeladen, die beiden parallelen Abfolgen miteinander zu vergleichen.

Warum also wurde der Schöpfungsbericht so strukturiert? Zum einen zeigt der Aufbau, dass Gott ein Gott der Ordnung ist, der die Welt in einer geordneten Weise erschafft. Zuerst schafft und trennt er verschiedene Sphären: Licht und Dunkelheit, Wasser und Himmel, trockenes Land. In einem zweiten Schritt fügt er dann jeder dieser Sphären etwas hinzu. Lichter, um zwischen Licht und Finsternis zu trennen, Vögel, um am Himmel zu fliegen, Fische, um im Wasser zu schwimmen, Landtiere und Menschen, um auf dem trockenen Land zu leben. Interessanterweise werden durch diese beiden Schritte genau die beiden Probleme gelöst, die in 1. Mose 1,2 angesprochen werden, nämlich, dass die Erde „ungeformt“ und „leer“ ist (Hebräisch: „tohuwabohu“). „Tohu“ bedeutet „ungeformt“ und „bohu“ bedeutet „leer“. Das Problem, dass die Erde ungeformt ist, wird an den ersten drei Tagen behoben. Dem Problem, dass die Erde leer ist, widmet sich Gott an den Tagen 4-6. Wir haben also eine klare, logische Steigerung: zuerst wird geformt, dann wird gefüllt.

Ebenfalls interessant ist, dass am Höhepunkt beider Abfolgen an Tag 3 und 6 der Fokus auf der Erde liegt. Auf diese Weise bestätigt der Aufbau des Textes, dass es im Schöpfungsbericht vor allem um die Erde geht. Alle Schöpfungsakte an den ersten beiden Tagen ermöglichen und bereiten das Erscheinen der Erde und der Pflanzen, die darauf wachsen, um Frucht zu bringen, vor. So wird deutlich, dass die Erde ein Ort des Lebens sein soll und dass dieses Leben ein Leben des Wachstums sein soll, das Frucht bringt. Ein solches Leben ist möglich durch die schöpferische Kraft des Wortes Gottes und wird Realität durch den Gehorsam diesem Wort gegenüber.

Gleichzeitig wird durch den Aufbau des Schöpfungsberichts auch der siebte Tag besonders hervorgehoben, der nicht Teil der beiden parallelen Abfolgen ist und kein Gegenstück hat. Dadurch zeigt bereits die Struktur der Schöpfungsgeschichte, dass dieser Tag anders ist als all die anderen Tage. Es ist ein einzigartiger Tag, der mit keinem anderen Tag verglichen werden kann. Die Tatsache, dass er ganz am Ende des Berichts steht und den ultimativen Höhepunkt beider Abfolgen bildet, deutet darauf hin, dass das letztendliche Ziel der Schöpfung darin besteht, in die göttliche Ruhe einzugehen. Ein Leben des Wachstums und der Fruchtbarkeit, das durch Gottes mächtiges Wort ermöglicht und im Gehorsam diesem Wort gegenüber gelebt wird, führt zu wahrer Ruhe.

Die Struktur von 1. Mose 1-11

Parallelstrukturen finden sich nicht nur in Einzeltexten wie dem Schöpfungsbericht, sondern auch in größeren Abschnitten, die mehrere Kapitel oder sogar ganze Bücher umspannen. So sind z.B. die ersten elf Kapitel des Buches 1. Mose ebenfalls auf diese Art und Weise aufgebaut:

             A  Schöpfung: erster Anfang, göttlicher Segen (1,1 – 2,3)

                   B   Sünde Adams: Nacktheit, sehen/bedecken, Fluch (2,4 – 3,24)

                           C   Keine Nachkommen des jüngeren, gerechten Sohnes Abel (4,1-16)

                                   D   Nachkommen des sündigen Sohnes Kain (4,17-26)

                                          E   Nachkommen des erwählten Sohnes Set: 10 Generationen (5,1-32)

                                                     F   Sünde, die zum Gericht führt: Söhne Gottes (6,1-4)

                                                               G   Kurze Einführung: Noah, 3 Söhne (6,5-8)

              A’   Flut: Umkehrung der Schöpfung, Neuschöpfung, göttlicher Segen (6,9 – 9:19)

                     B’   Sünde Noahs: Nacktheit, sehen/bedecken von Nacktheit, Fluch (9,20-29)

                             C’   Nachkommen des jüngeren, gerechten Sohnes Jafet (10,1-5)

                                     D’   Nachkommen des sündigen Sohnes Ham (10,6-20)

                                           E’   Nachkommen des erwählten Sohnes Sem: 10 Generationen
(10,21-32)

                                                     F’   Sünde, die zum Gericht führt: Turmbau zu Babel (11,1-9)

                                                               G’   Kurze Einführung: Terach, 3 Söhne (11,27-32)

Auch hier stellt sich die Frage, warum dieser Abschnitt so strukturiert wurde. Unter anderem wird durch diese Anordnung deutlich, dass das Sündenproblem auch nach der Flut noch da ist und sich immer mehr verschlimmert. Es wird immer noch ein Erlöser gebraucht. Angesichts dessen ist es interessant, dass am Ende beider Sequenzen eine Erlöserfigur eingeführt wird: Noah, der seine Familie vor der Flut rettet und Terachs Sohn Abram, durch den alle Nationen der Erde gesegnet werden. Letztendlich können jedoch auch diese beiden Männer die Menschheit nicht von der Sünde erretten. Somit zeigt die Struktur auch die Notwendigkeit eines Erlösers, der größer als Noah und Abram ist.

Wie bereits erwähnt, lohnt es sich auch, die parallelen Teile in den beiden Sequenzen einer Parallelstruktur zu vergleichen. Das kann durchaus hilfreich sein, um das, was in einem bestimmten Teil des Textes passiert, besser zu verstehen. Indem der Autor z.B. die (auf den ersten Blick ziemlich seltsame) Geschichte über Noahs Nacktheit in Teil B‘ parallel zur Geschichte über Adam und Evas Nacktheit in Teil B platziert, macht er deutlich, dass die Noahs Nacktheit als ein neuer Sündenfall verstanden werden muss. Ebenso kann das Handeln der Söhne Noahs in Teil B‘ (Nacktheit sehen vs bedecken) nur im Licht von Gottes Handeln (Nacktheit bedecken) in Teil B richtig eingeordnet und verstanden werden. Auf diese Weise erklären die parallelen Teile sich gegenseitig.

Übungen

Lies die folgenden Textabschnitte und markiere alle Wörter und Phrasen, die wiederholt werden. Versuche dann Muster zu finden und die Struktur herauszuarbeiten. Achte auch auf Variationen zwischen parallelen Teilen.

  1. Mose 6,1-8
  2. Matthäus 4,18-22
  3. Apostelgeschichte 5,1-11